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Samstag, 31. Juli 2010

News
[ Freitag, 21.09.07, 10:33 Uhr, Alter: 3 Jahre ]

Sonnenschirme statt Servolenkungen

Von: Anke Verhoeven

Erster NRW-Arbeitskräftepool zieht Zwischenbilanz

Metallbranche als Vorreiter: FLEXPOOL initiiert betriebliche Kooperationen, um Überstunden, Kurzarbeit und Entlassungen zu vermeiden - „Vorteile und faire Bedingungen für alle Beteiligten, Arbeitgeber wie Arbeitnehmer“

Hamm/Unna - Die Welt schien in Ordnung für Manuel Schmillenkamp. Erst die Lehre in einem großen Chemieunternehmen in Hamm zu Ende bringen, dann die nächste Sprosse auf der Karriereleiter in Angriff nehmen – so sah sie aus, die Berufsplanung des 21jährigen. Doch der Traum des Energieanlagenelektronikers platzte jäh: Sein Betrieb teilte ihm mit, nach der Ausbildung keine geeignete Stelle für ihn zu haben. Dass dem Lippetaler die Arbeitslosigkeit erspart blieb, verdankt er FLEXPOOL: Der junge Facharbeiter war der erste Vermittlungsfall dieser Tauschplattform, die selbst eine Premiere darstellt.

FLEXPOOL startete Ende 2006 und ist der erste gemanagte Arbeitskräftepool in Nordrhein-Westfalen. Das Funktionsprinzip: FLEXPOOL bringt Betriebe mit Personalüberhang mit solchen zusammen, die in diesem Bereich einen Bedarf haben. Mit seiner Datenbank und seinem Betreuerteam wirkt der Pool wie ein Scharnier zwischen den Betrieben und ermöglicht es, Angebot und Nachfrage abzugleichen. Darüber hinaus bietet FLEXPOOL alle marktüblichen Personaldienstleistungen und entwickelt neue Beschäftigungsmodelle.

Im Regelfall ist die Mitarbeiterüberlassung zeitlich befristet und dient beispielsweise dazu, Auftragsspitzen oder Umsatzrückgänge abzufedern. Ist ein Stellenabbau unvermeidbar, kann sie auch das Ziel eines dauerhaften Wechsels haben.

Wie bei Manuel Schmillenkamp. Dessen Arbeitgeber kooperiert mit FLEXPOOL, so dass gemeinsam eine neue Perspektive für den jungen Mann gefunden werden konnte. Die Vermittler wussten von einem Personalbedarf bei einem weiteren Partnerbetrieb, einem Mittelständler aus der Gebäudesystemtechnik. Dort bekam Schmillenkamp nach der Ausbildung nahtlos einen Job. Für den Nachwuchselektroniker heißt das: Er hat keine „Lücke“ in seinem Berufsweg. Andere von FLEXPOOL betreute Arbeitnehmer sind nur befristet in einem anderen Betrieb tätig, bleiben aber beim ausleihenden Unternehmen beschäftigt und kehren dorthin zurück.

Rechtlich ermöglicht wird der Personaltausch durch einen Ergänzungstarifvertrag, den die Tarifparteien eigens für FLEXPOOL abgeschlossen haben. „Wir wollen die Flexibilität fördern, die der heutige Arbeitsmarkt verlangt“, sagt daher Anke Verhoeven. Als Mitarbeiterin der Netzwerk Radbod GmbH in Hamm hat sie FLEXPOOL initiiert und die Leitung der Agentur übernommen. Zweiter Träger neben der kommunalen Beschäftigungs- und Qualifizierungsgesellschaft ist die Werkstatt im Kreis Unna, auch sie mit langjähriger Erfahrung in der Arbeitsmarktpolitik ausgestattet.

Rund ein dreiviertel Jahr nach dem Start des Arbeitskräftepools zieht Verhoeven eine positive Bilanz: „Es ist gelungen, die angestrebte Flexibilität mit fairen Bedingungen für beide Seiten, Arbeitnehmer wie Arbeitgeber, zu verbinden“. Das Konzept sei zwar neu und für viele Akteure daher noch ungewohnt, doch schlössen sich dank der klaren Vorteile immer mehr Unternehmen FLEXPOOL an, zeigt sich die 45-jährige zufrieden mit der bisherigen Entwicklung.

Skepsis hatten die Projektleiterin und ihr Team zunächst auch bei der Schmitter Chassis GmbH auszuräumen. Der Umstrukturierungsprozess bei dem Drensteinfurter Automobilzulie-ferer führte zum bisher größten Auftrag für FLEXPOOL: Der Metallverarbeiter ist durch den Konkurrenzdruck ausländischer Anbieter gezwungen, seine Produktion auf hoch spezialisier-te Erzeugnisse umzustellen. Dadurch fielen 44 Stellen weg.

Doch einfach entlassen wollte die Firma ihre größtenteils gut qualifizierten und langjährigen Mitarbeiter nicht, weshalb sie 27 davon FLEXPOOL anvertraute. Über das Netzwerk des Arbeitskräftepools konnten fast alle rasch an Unternehmen aus der Region vermittelt werden. Noch während ihre Kündigungsfristen liefen, arbeiteten beispielsweise drei Metallfacharbeiter schon zur Probe bei Böhler Thyssen Schweißtechnik in Hamm.

Andreas Kupka, stellvertretender Personalchef des Betriebes, freut sich, dass ihm langwierige Besetzungsverfahren erspart blieben. Überzeugt haben ihn aber nicht nur die Zeit- und Kostenvorteile, sondern auch die passgenaue Auswahl der Bewerber: „Die Schmitter-Leute brachten genau die Kenntnisse und Fertigkeiten mit, die wir für unsere Qualitätssicherung gesucht hatten“.

Für einen weiteren Ex-Schmitter-Mitarbeiter brachen mit FLEXPOOL „sonnige Zeiten“ an: Er bekam einen neuen Job bei einem Metallzuliefererbetrieb in Holzwickede, wo er nun statt Stahlgehäusen Sonnenschirme produziert. Die werden nach Saudi-Arabien exportiert und spenden den Besuchern der dortigen Pilgerstätten Schatten.

Angesichts der stetig steigenden Zahl von Vermittlungen und Mitgliedsunternehmen ist sich Anke Verhoeven sicher, dass die ungewöhnlichen Personaldienstleistungen auch über die geförderte Startphase hinaus Bestand haben werden: „FLEXPOOL ist einfach zeitgemäß“. Als ein Projekt, das Stellen sichert und Beschäftigungsfähigkeit fördert, wird die Agentur noch bis zum Jahresende vom nordrhein-westfälischen Arbeitsministerium unterstützt. Derzeit auf die Metallbranche und das Östliche Ruhrgebiet konzentriert, könnte FLEXPOOL aus Sicht der Träger auch zum Vorbild für andere Wirtschaftszweige und Regionen werden.

Gleiches gilt für die neuen Beschäftigungsmodelle, mit deren Entwicklung und Transfer sich die Agentur parallel befasst. So zeigt eine Veranstaltung am 12. Oktober in Hamm, wie sich Mini- und Midi-Jobs zu größeren, dauerhaften Stellen bündeln lassen: In der Praxistagung „Job-Sharing andersum“ kommen Fachleute zu Wort, die das Prinzip der Arbeitergeber-Zusammenschlüsse nach französischem Muster bereits erfolgreich praktizieren. „Ein Modell, nach dem jenseits des Rheins 45.000 Menschen beschäftigt sind, sollten wir hierzulande nicht ignorieren“, plädiert FLEXPOOL-Leiterin Verhoeven für Kreativität im Arbeitsmarkt.


Pressekontakt
FLEXPOOL
c/o Netzwerk Radbod
Anke Verhoeven
Hammer Str. 144, 590795 Hamm
Tel. 02381-97212-44, Fax 02381-97212-33